Referendare: Visite im Knast
Von Markus Dammler
Nach dem ersten Staatsexamen beginnt für viele angehende Juristen die Zeit der praktischen Ausbildung, das so genannte Rechtsreferendariat. In dieser Zeit wird man als Auszubildender in vielen Stationen eingesetzt, sei es beispielsweise am Zivilgericht, bei einem Rechtsanwalt oder in der Verwaltung. Im Laufe der Strafstation gibt es für den normalen Rechtsreferendar mehrere “Highlights” im positiven und im negativen Sinne – die Tätigkeiten außerhalb der AG. In Betracht kommen da einige Späße, die schon Generationen vor mir erleben durften: Zu meinem (Un-)Glück war ich bei den meisten verhindert….
Nachdem mir die Mitfahrt bei der Polizei und die Alkohol-Trink-Probe verwehrt blieben, war ich also recht gespannt auf den Termin im Knast. Für einen Tag wurden wir in die Arbeitsweise einer Justizvollzugsanstalt eingeführt, am praktischen Beispiel der JVA Diez.
Die JVA Diez ist der rheinland-pfälzische Hochsicherheitsknast, mit der Vollstreckungszuständigkeit für männliche Erwachsene insbesondere mit lebenslangen Freiheitsstrafen. Nach der Anreise und einer kurzen Einführung wurden uns zunächst Gesprächsrunden “von beiden Seiten” angeboten mit anschließendem Rundgang.
Die Gesprächsrunden entwickelten sich so, wie man das vorher absehen konnte: die Anstaltsleitung bemängelt fehlende Kooperation und Querulantentum einiger “Hausgäste”, die Insassen-Vertretung fühlt sich einfach schlecht verstanden und übergangen. Übrigens: wer sich die Einträge bei knast.net zur JVA Diez mal ansieht, kann sich das Gespräch auch sparen – die Fronten sind einfach zu verhärtet.
Bleibt nur der objektive Eindruck, den man in dem Rundgang gewinnen konnte: moderne Sporthalle, Arbeitsmöglichkeiten in Eigen- und Fremdbetrieben, Fernseher auf den “Zimmern”, sogar vereinzelt Konsolen (PS1 und GQ)… die Tatsache, dass man seiner Freiheit beraubt ist, muss ja noch lange nicht bedeuten, auch auf die Annehmlichkeiten zu verzichten…
Erhellend war dann das Abschlussgespräch mit dem Gefängnis-Psychologen: getreu dem Motto “die Gedanken sind frei” sitzen viele seiner Schützlinge in der JVA Diez, weil “sie sich die Erlaubnis gegeben haben, ihre von der Gesellschaft als falsch eingestuften Gedanken in die Tat umzusetzen”. Von der anderen Seite betrachtet bekommt der Anspruch, immer seine Träume zu verwirklichen, einen seltsamen Beigeschmack…
Sinnvoll ist der Besuch in der JVA im Rahmen der Rechtsreferendarsausbildung, nur leider zu kurz, um sich der wirklichen Dimensionen eines Freiheitsentzuges bewusst zu werden. Wer sich jedoch im späteren Berufleben als Richter, Staatsanwalt oder Rechtsanwalt mit der Option “Verhängung einer Freiheitsstrafe” konfrontiert sieht, und dem ist mit einem eintägigem “Ausflug in den Knast” nicht gedient. Die wahren Hintergründe über die Zustände und Art und Weise des Lebens hinter Gittern bleiben jedenfalls bei einem eintägigen Rundgang mit Gesprächsrunden verborgen. Dennoch: dieser Termin bietet für jeden einzelnen Berufanfänger die Möglichkeit, sich mir dem eigenen Bild vom Strafvollzug kritisch auseinanderzusetzen, es ggf. zu korrigieren.
Markus Dammler ist Rechtsreferendar in Rheinland-Pfalz. Sein Weblog heißt schmierzettel.NET

Hallo,
ich bin nur durch Zufall auf diesen Blog gekommen. Ich finde es gut und richtig, dass sich gerade Menschen, die vieleicht irgendwann über das Schicksal eines Angeklagten zu entscheiden haben, ein eigenes Bild über den Alltag im Vollzug bekommen. Leider sind Führungen, Rundgänge und Gesprächsrunden da nur ein allererster Schritt. Den richtigen Alltag wird dabei niemand kennenlernen. Ich hatte das (Un-)Glück den Haftalltag von seiner realen Seite kennenlernen zu dürfen. Dazu erst einmal vorweg in der JVA in Bayern gibt es keine PS1 und GQ, denn die sind (jedenfalls in meiner ehemaligen Anstalt) nicht gestattet. Und auch die Aussage:” die Tatsache, dass man seiner Freiheit beraubt ist, muss ja noch lange nicht bedeuten, auch auf die Annehmlichkeiten zu verzichten…” kann ich so einfach nicht gelten lassen. Was soll man denn unter Annehmlichkeiten verstehen? Etwa die Tatsache, dass es eine moderne Sporthalle gibt? Allein schon aus Gründen der Gesundheit sollte es doch wohl jedem Menschen erlaubt sein sich sportlich zu betätigen. Oder vieleicht die Fernsehgeräte? Auch Gefangene haben ein Recht auf Information ( und bei uns wurde das Empfang pünktlich um Mitternacht komplett eingestellt). Die Arbeitsmöglichkeiten? Jeder Strafgefangene ist sogar laut Gesetz zur Arbeit verpflichtet, ausserdem dient es nur seiner Resozialisierung wieder in einen geregelten Arbeitsablauf eingegliedert zu werden. Vor meiner Inhaftierung hätte ich warscheinlich genauso gedacht, wenn ich die Möglichkeit einer Besichtigungstour bekommen hätte. Heute sehe ich das alles ein wenig differenzierter und kann mich in beide Seiten hineinversetzen. Ich habe sogar vor kurzen begonnen ein eigenes blog über das reale Leben hinter Gittern zu schreiben. Das sehr positive Feedback das ich dort bekomme hat mir den Mut gegeben, anderen einmal sehr detailiert zu schildern wie es wirklich im Gefängnis zugeht. Vor allem weiss ich nach den Erfahrungen dort, dass ich mich nie im Leben wieder von irgendwelchen Vorurteilen leiten lassen werde.
Stefani | 9. 11. 2005 23:11
Handeln und nicht Labern. ! Es muss war verändert werden, sonst wird es Niemanden helfen und Folgen für Alle haben.
Herzinger | 1. 7. 2008 12:25