Überaus “korrekt”
Von Stefani
Ich bin schon oft an diesem Gebäude vorbei gegangen. Gelbe Mauern und vergitterte Fenster. Kein schöner Anblick, aber bisher hatte es mich nie gestört, denn ich würde ja nie dieses Gebäude von innen sehen.
Heute sehe ich dieses Gebäude mit anderen Augen. Innen graue Mauern, lange Gänge, es riecht schmutzig und die Zellen sind, gelinde gesagt, eine Zumutung. Die Wände sind schmutzig, über Jahre hinweg ist noch nicht einmal ein wenig Farbe an die Wände gekommen, frühere Insassinnen haben sich mit teils obzönen Texten an den Wänden verewigt.
Ein an der Wand verschraubter Holztisch, links und rechts davon eine Holzbank, ein Aluminiumwaschbecken, eine Aluminiumtoilette hinter einem Vorhang und ein Doppelstockbett aus Metall. In so eine Zelle wurde ich dann gesperrt, ausgerüstet mit einer alten Armeedecke, Bettwäsche und Waschzeug.
Allerdings wurde gleich nachdem ich die Zelle betreten hatte und die Tür hinter mir zufiel, das Licht gelöscht. Ja richtig, denn hier wird nachts das Licht ausgeschaltet. Im Dämmerlicht konnte ich sehen, dass ich nicht alleine war, sondern dass im oberen Bett eine Person schlief.
Meine Zigaretten und meine persönlichen Sachen waren mir bei der Einlieferung abgenommen worden. Nicht einmal meine Kleidung durfte ich behalten. Man hatte mir top modische Unterwäsche Marke „Liebestöter“ und einen Bademantel gegeben. Das sass ich nun völlig fertig mit den Nerven, es war fünf Uhr und ich hatte noch nie im Leben soviel Angst.
An ein Bettenbeziehen war im Dunkeln nicht zu denken und außerdem wollte ich die andere Gefangene nicht im Schlaf stören. Ich wusste ja nicht, wie sie reagieren würde und hatte auch ehrlich gesagt Angst, das heraus zu finden. Früher hatte ich Geschichten übers Gefängnis gehört, über Gewalt und Bosheit und nun sass ich selbst da und wusste nicht, was ich machen sollte.
Ich legte mich einfach auf das untere Bett und starrte auf die Metallstäbe über mir. Ich konnte nicht einmal weinen, war einfach “eingefroren”. Irgendwann gegen sechs Uhr ging das Licht an und eine kleine Klappe in der schweren Stahltür öffnete sich. Meine „Mitbewohnerin“ stieg vom Bett, ging zur Tür und kam mit einer Kanne heissem Wasser wieder. Vorsichtig versuchte ich ein Lächeln, das mir aber wohl irgendwie misslungen war. Sie schaute mich voller Mitleid an, lächelte und sprach mich dann in gebrochenem Deutsch an.
Guten Morgen – das waren die einzigen Worte die sie auf Deutsch konnte. Aber egal, sie hatte sich Mühe gegeben und bot mir sogar einen Tee und etwas zu Essen an. Ich konnte allerdings an Essen nicht einmal denken, mein Magen fühlte sich an als wäre er von einem Eisenring zusammengepresst. Also schwiegen wir uns an und ich entschied mich dafür, mich erst einmal zu waschen.
Es ist gar nicht so einfach, sich mit kaltem Wasser gründlich zu waschen und noch schwieriger ist es, sich damit die Zähne zu putzen. Meine Zähne schmerzten und ich hatte das Gefühl vor lauter Schmerz schreien zu müssen. Jetzt wusste ich warum man sich in der Früh heisses Wasser geben lassen sollte. Aber mir hatte ja keiner eine Gebrauchsanweisung gegeben oder mich auf so etwas vorbereitet.
Nach etwa zwei Stunden wurde ich dann offiziell aufgenommen. Das heißt, ich wurde in die Verwaltung gebracht, meine Personalien wurden aufgenommen, mir wurde mitgeteilt, dass ich am nächsten Tag in die Nähe von Augsburg „verschubt“ werde. Dann ging es zurück in den Raum in dem ich in der Nacht schon war.
Mir wurden meine Kleidung, meine Zigaretten und ein paar persönliche Dinge wieder gegeben. Bei der Durchsicht meiner Habe stellte ich dann fest, dass mein Geld verschwunden war. Das hieß, ich konnte mir, obwohl sonst generell die Möglichkeit besteht, nicht einmal eine Schachtel Zigaretten kaufen. Dabei hätte ich zu dem Zeitpunkt alles für eine Zigarette getan. Na, wenigstens ein paar waren ja noch in meiner Schachtel und das Geld würde sicher wieder auftauchen. Es konnte ja nur in Rosenheim bei der Polizei liegen geblieben sein, denn dort hatte ich meinen Geldbeutel das letzte Mal gesehen.
Auf meine Frage, ob es möglich ist mit meinem Anwalt zu telefonieren wurde mir gesagt, dass ich alles nötige in einem Brief schreiben soll und wenn ich die Adresse brauchen würde, gebe es im Büro ein Anwaltsverzeichnis. Auch Duschen wäre jetzt nicht möglich, weil ich später noch zur ärtztlichen Untersuchung müsse. Wie soll ich beschreiben wie ein Mensch sich fühlt wenn ihm so selbstverständliche Dinge versagt werden wie duschen? Ich denke jeder der ein wenig auf seine persönliche Hygiene achtet, wird es verstehen.
Erst einmal ging es dann zurück in die Zelle und später kam dann die angekündigte ärztliche Untersuchung. Dabei habe ich den wohl einzigen netten Menschen in diesem Hause getroffen – die Krankenschwester. Ich will hier nicht behaupten, dass die Beamten unhöflich sind, aber sie haben eine etwas unnahbare Art und geben sich so überaus „korrekt“. Ein wenig mehr „Menschlichkeit“ täte sicher jedem gut. Sicher ist es nicht einfach jeden Tag zu lächeln und viele der Insassinnen sehen in den Beamtinnen ein „Feindbild“. Ausserdem würde mir das Lächeln auch vergehen, wenn ich tagaus tagein in einem so tristen Gemäuer arbeiten müsste. Aber sie haben sich ihren Arbeitsplatz ja selbst ausgesucht.
Nach der Untersuchung ging es dann wieder in die Zelle und ich konnte endlich die ersehnte Zigarette genießen. Irgendwann gab es dann das „Mittagessen“ – Königsberger Klopse. Die werde ich mit Sicherheit nie wieder essen können, denn ich habe noch nie im Leben etwas so Unappetitliches gesehen, geschweige denn gegessen. Wer das gekocht hatte, hat entweder keine Geschmacksnerven oder ihm war es egal, was auf den Teller kommt. Beides ist nicht zu entschuldigen.
Ich habe später erfahren, dass die Anstalt in München von allen gefürchtet ist und sich wirklich niemand freiwillig dorthin begeben würde. Zu meinem Glück musste ich diesen Zustand nur einen einzigen Tag ertragen. Nicht nur, dass die hygienischen Bedingungen unhaltbar sind, die Verpflegung lieblos und unappetitlich ist und man 23 Stunden auf engstem Raum eingesperrt ist.
Dabei hatte ich noch das Glück, nicht in die sogenannten „Schubzellen“ gesperrt worden zu sein, denn da werden gleich bis zu sechs Leute zusammen „gepfercht“. All das habe ich aber erst viel später, aus Schilderungen von anderen Gefangenen, erfahren. Mir selbst blieben diese Zustände zum Glück verborgen. Irgendwie ging dieser Tag dann auch vorbei und abends als das Licht gelöscht wurde, war ich zum Glück so müde, dass ich sofort eingeschlafen bin.
Heute sehe ich es als Geschenk an, dass ich die Gabe habe in jeder Situation schlafen zu können. Am nächsten Morgen dann die selbe Prozedur wie am Vortag, aber ich war ja schlauer und hab mir dann auch eine Kanne warmes Wasser zum Waschen geholt. Duschen durfte ich bis zu dem Zeitpunkt immer noch nicht und meine Nase hatte sich da auch schon an meinen eigenen Gestank gewöhnt.
Das Brot, welches am Abend vorher verteilt wurde, war natürlich bereits trocken, aber wenigstens bekam ich etwas in den Magen. Gleich nach dem Frühstück ging es dann los zum „Schub“. Erst einmal mit allen anderen, die auch „verschubt“ wurden in eine grosse Zelle, in der an der Wand Holzstühle standen. Ich weiß heute nicht mehr, wie viele Frauen mit mir gewartet haben. Irgendwann kam dann der „Transporter“. Wenn ich heute Berichte über Tiertransporte sehe, finde ich das zwar immer noch schlimm, aber es wurden wohl noch nie Berichte über „Gefangenentransporte“ gesendet. In einem großen Bus sind viele kleine Kabinen, die ca 1 Meter breit und 1,50 Meter lang sind, je zwei mal zwei kleine Stühle sind an den kurzen Seiten der Trennwände angeschraubt.
Die „Fenster“ sind ca 5 cm hoch und 20 cm breit und wenn man sich sehr streckt dann kann man herausschauen. In so einem Abteil sitzen dann vier Gefangene zusammengepresst und versuchen ihre Füsse so zu stellen, dass alle Platz haben. Die Türen werden zugemacht und los geht die „Reise“.
Stefani berichtet in mehreren Teilen über ihre Erfahrungen mit dem Strafvollzug.

hi
wie kann es sein, dass man einen gefangenentransport mit einem tiertransport vergleicht?
hört sich ja fast so an, als ob die tiere auch etwas verbrochen haben, und deswegen so eingpfercht werden!
leider kann ich es nicht verstehen, sich gequält darzustellen, wenn man doch in die situation gekommen ist, weil man etwas falsch gemacht hat, wovon man vorher wusste, dass es falsch ist.
wird erwartet, dass man belohnt wird? nen taxi mit sitzheizung, platz für die füsse, nen getränkehalter und nen fernseher um die fahrzeit zu überbrücken?
letztendlich fährt ein tiertransport auf die schlachtbank, ob es jemands mittleid erregt wird, oder nicht … schon mal was von guter führung in der stallhaltung gehört? schon mal gehört, dass einer sagt, “du bist ja ne super kuh, hast immer fleissig milch gegeben, dich schlachten wir nicht?” nein, ich auch nicht aber wie oft hört man, dass wegen guter führung jemand aus dem vollzug entlassen wird … der definitiv vorher etwas falsch gemacht hat … im gegensatz zur kuh
grüße mike
Mike | 15. 11. 2005 14:00
@ Mike: Entgegen weit verbreiteter Meinung haben auch Gefangene Rechte. Und der Freiheitsentzug soll, so will es das Gesetz, nicht mit Nebenstrafen verbunden sein. Menschenunwürdiger Behandlung zum Beispiel.
Ob das bei Transporten tatsächlich der Fall ist, müsste im Zweifel ein Gericht entscheiden.
Udo Vetter | 15. 11. 2005 15:41
@udo
wo ist denn die nebenstrafe, wenn ein gefangenentransporter keine 5 sterne hat? schon mal öffentliche verkehrsmittel benutzt? da hat man weniger platz und keine 2 sitzbänke wenn die strassenbahn mal voll ist. und abgesehen davon, muss man sich jetzt entschuldigen, wenn man gefangene als gefangene behandelt, hat sie doch keiner gezwunden diesen weg zu gehen. komischerweise kennen alle ihre rechte, wenns ihnen nicht in den kram passt.
vor dem vollzug war das interesse am recht doch auch nicht so gross, sonst müssten sie ja nicht ins gefängniss, oder irre ich mich?
grüße mike
mike | 15. 11. 2005 17:27
@ Mike: Wie gesagt, die Rechte Gefangener ergeben sich aus den Rechtsnormen, insbesondere aus dem Grundgesetz. Da sind auch die Rechtsmittel geregelt.
Ich sage ja nicht, dass die Art der Transporte rechtswidrig ist. Sie könnte es aber sein. Rechtswidrig wäre rechtswidrig, egal ob ein Eierdieb oder ein Serienmörder unter diesen Umständen transportiert wird.
Deine Erwägung, wer sich gegen die Rechtsordnung gestellt hat, kann auch später von der Rechtsordnung nichts verlangen, kann ich nachvollziehen. Sie findet nur keine Grundlage in unseren Gesetzen.
Udo Vetter | 15. 11. 2005 20:39
An alle die sich hier wenig emphatisch geäußert haben:
Hat sich denn auch mal jemand Gedanken darüber gemacht, das auch U-häftlinge transportiert werden? Solange kein Urteil gesprochen ist, gelten diese Menschen als unschuldig. Und ein großer Prozentsatz ist es auch! Unschuldig! Ich wünsche niemanden unschuldig in diese Tretmühle zu geraten, den Schreibern hier jedoch, täte die Erfahrung mit Willkür der Justiz und menschenunwürdigem Umgang vielleicht mal ganz gut.
Viele Grüße
Manuela
Manuela | 15. 11. 2005 21:01
@udo
danke für dein letztes statement (ab “Deine Erwägung..”) und natürlich die info davor
@manuela
ich hoffe mal nicht, dass sich dieser menschenunwürdige umgang auf den transport von gefangenen bezieht. ich denke nicht, dass es in deutschland vorkommt, dass menschen in gefangenentransporten “unwürdig” behandelt werden. vergleicht man dazu haftanstalten im ausland, denke ich dass das einzige, das einem deutschen gefangenentransport noch fehlt, eine verkaufsveranstaltung für heizdecken ist.
grüße mike
mike | 16. 11. 2005 08:51
Lieber Mike,
wärst Du einmal auch nur für eine einzige Stunde mit einem solchen Schubbus transportiert worden, würdest Du gewiss eine andere Meinung haben. Stelle Dir vier Menschen vor, egal ob dick oder dünn, groß oder klein, zusammen mit viermal Gepäck (Taschen und Kartons mit Habe für vielleicht mehrere Wochen) auf einem einzigen Quadratmeter. Knie an Knie, auf den Knien noch das Gepäck bis hoch vors Gesicht. Du kannst Dich keinen Millimeter bewegen, geschweige denn aufstehen. Du hast – wenn überhaupt – einen Blick auf einem kleinen Streifen Himmel. Wenn Du Pech hast, bist Du Nichtrauchen, aber die anderen drei Leute rauchen. Frischluft hast Du quasi keine. Und nun fähst Du so mehrere Stunden, ohne Pause… Jeder überfüllte Stadtbus ist dagegen pure Erholung…
Herzlich willkommen bei Knast-Tours.
Mitmensch
Mitmensch | 16. 11. 2005 20:18
@mike,
du hast sicher Recht.
Niemand hat mich gezwungen staffällig zu werden. Aber Menschen machen nun einmal Fehler.
Einige mehr andere weniger. Das wichtigste ist meiner Meinung nach aber, dass man zu diesen Fehlern steht und etwas aus ihnen lernt.
Und vieleicht hast du sogar recht damit, dass der Vergleich mit Tiertransporten “hinkt”.
Ich habe auch nicht gesagt, dass ich mich mit einer Kuh vergleiche.
Ich hatte das nur als Beispiel genannt, denn darüber gibt es Berichte in den Medien. Über Gefangenentransporte leider nicht.
Das “Leider” schreibe ich, weil sonst niemand auf die Idee käme eine “Schubfahrt” mit einer Kaffeefahrt zu vergleichen.
Ob diese Transporte menschenunwürdig sind oder nicht mag ich auch nicht beurteilen.
Allerdings würde ich gern wissen in welcher Stadt du lebst denn bei uns hat jeder “Fahrgast” in den öffentlichen Bussen mehr wie 0,25 m² Platz zur Verfügung und muss auf diesen nicht viele Stunden, zum Teil ohne Lüftung und Frischluftzufuhr, verbringen.
Stefani | 17. 11. 2005 23:06
hallo zusammen
@mitmensch
man kann das ganze auch freiwillig geniessen wenn man mal bei y-tours mitfährt (bund), denn diese transporte haben nicht mehr platz, mehr gepäck, dauern länger, es wird geraucht usw. oder denkt ihr, dass man nach einem auslandseinsatz frisch nach lavendel-duftend aus einem privat jet aussteigt und in der limo heimgefahren wird … mal gaaaanz abgesehen von dem transport in den einsatz … die sind noch komfortabler, denn es geht nichts über den flug mit einer transall, die 4 anläufe braucht um über den hindukusch zu kommen um dann mit granaten und raketen empfangen zu werden …
ah, was ich ganz vergessen habe, die kameraden mussten dafür nicht erst verurteil werden und es gibt auch keine berichte über diese transporte!
@stefani
ich lebe in einer stadt, in der es eine universität gibt, ich muss zugeben, eine gut besuchte uni … und werd in der früh oder abends 0,25qm hat und noch sitzen darf, heisst bus-/strassenbahnfahrer
grüße Mike
Mike | 22. 11. 2005 14:51
ich bin relativ spät dran mit dem kommentar, möchte aber dennoch etwas dazu schreiben.
@Mike
ich kann nachvollziehen, dass einige leute – aus was für beweggründen auch immer – eine klare meinung zu straftätern haben. es gibt in deutschland strafen und ich glaube daran, dass versucht wird jeder straftat nachzugehen. ich persönlich habe gott sei dank noch keine erfahrung in diesem bereich sammeln müssen.
jeder mensch, der einen anderem menschen etwas unrechtes antut sollte dafür seine strafe bekommen, ich denke darin sind wir uns einig.
ich bin aber froh, dass es in deutschland und todesstrafe gibt, denn ich bin der meinung das menschen so wie jedes andere lebewesen geachtet und fair behandelt werden sollen. zu dieser “fairen” behandlung gehört für mich auch, das man z.b. versucht bestimmte grundvoraussetzungen und -regeln zu schaffen. in diesem beispiel eben die transportbedingungen.
was überhaupt nicht weiterhilft ist das aufzeigen von beispielen bei denen es auch nicht besser ist. es gibt immer dinge die genauso oder noch schlechter laufen. wo ist aber deiner meinung nach der kleinste gemeinsame nenner?
nur weil möglicherweise bei der bundeswehr die rücktransporte nicht luxuriös genug sind sollten die gefangenen vernachlässigt werden? ich denke eher der umkehrschluss ist eine zu diskutierende ausgangsposition.
und nun wünsche ich neben einer guten portion stärke, fairständnis und einem quäntchen glück allen beteiligten einen guten start in die woche.
Tim
Tim | 28. 11. 2005 02:28