Kältegrade

Von Kuno Bärenbold

Seltnere Ent­halt­sam­keit

Es ist oft kein ge­rin­ges Zei­chen von Huma­ni­tät,
ei­nen ande­ren nicht be­urtei­len zu wol­len
und sich zu wei­gern, über ihn zu den­ken.

Fried­rich Nietz­sche

Der Ne­bel hing tief über den Dä­chern der Stadt. Es war noch käl­ter ge­wor­den. Im Hin­ter­hof ei­nes Buch­la­dens klei­dete ich mich um. Ich war si­cher, dass mich nie­mand be­obach­ten konn­te. Noch ge­fiel mir die Idee, die Rol­le ei­nes auf der Stra­ße sit­zenden Ex-Sträf­lings zu spie­len. Der zer­beul­te Hut, eine Bril­le mit Ver­größe­rungs­glä­sern und der un­rasier­te Bart ver­änder­ten mich bis zur Un­kennt­lich­keit. Da­zu ge­hör­te eine Plas­tik­tü­te, in der ei­ne an­getrun­kene Fla­sche Wein steck­te. Ich hat­te Mü­he, den Papp­kar­ton an der Ja­cke zu be­festi­gen. Die Blät­ter mit den Ge­dich­ten klemm­te ich unter den Arm.

Nur weni­ge Schrit­te wa­ren es bis zur Fuß­gän­ger­zo­ne. Auto­fah­rer starr­ten mich an und schüt­telten den Kopf. Ziel­stre­big ström­ten die Men­schen in Super­märk­te und Bou­tiquen. Plötz­lich über­fiel mich eine un­er­klär­li­che Angst. Ich zit­terte, hat­te kei­nen Mut mehr, wei­ter­zu­ge­hen. Wa­rum machst du das über­haupt? Was ist, wenn dich je­mand von der Fir­ma er­kennt? die Poli­zei dich aus­fragt? Die Bli­cke der an mir vo­rüber­zie­henden Pas­santen mach­ten mich noch un­siche­rer. Noch nie emp­fand ich Ver­ach­tung so spür­bar. Ich fror. Wuss­te, dass ich jetzt nicht ste­hen blei­ben durf­te, und ging wei­ter zu je­nem Platz, den ich mir vor eini­gen Ta­gen aus­ge­sucht hat­te.

Die Plas­tik­tü­te stell­te ich vor mir auf den Bo­den. Ab und zu tat ich so, als wür­de ich ei­nen kräf­tigen Zug aus der Rot­wein­fla­sche neh­men. Über eine Stun­de war ich nur neu­gieri­gen Bli­cken und ver­ächt­li­chem Grin­sen aus­gelie­fert. Eini­ge Leu­te mach­ten ei­nen wei­ten Bo­gen um mich und tuschel­ten. Zeig­ten mit dem Fin­ger auf mich. Ande­re blie­ben kurz ste­hen. Sie woll­ten wis­sen, was auf dem Papp­schild stand:

Ex-Ge­fange­ner bit­tet um kei­ne Spen­de, son­dern um weni­ger Vor­ur­teile gegen­über In­haftier­ten. Bit­te neh­men Sie ein Ge­dicht­blatt.

Arbeits­kolle­gen und Be­kann­te be­achte­ten mich so we­nig wie der Ober­leh­rer des Knas­tes, der mit fins­terer Mie­ne in ei­nem Steh-Ca­fé ver­schwand.

“Wol­len Sie ein Ge­dicht­blatt ha­ben?”

“Ist das von Ihnen?”

“Ja.”

“Hier, neh­men Sie das.”

“Nein, ich neh­me kein Geld.”

“Aber ei­nen Flach­mann.”

“Auch nicht.”

“Wo­von le­ben Sie denn?”

“Ach, ich komm schon über die Run­den.”

“Na, dann geht´s Ihnen ja präch­tig.”

Um mich warm zu hal­ten, wech­selte ich den Stand­ort. Der Hut ver­ursach­te Schmer­zen. Als Nicht-Bril­len­trä­ger wur­de es mir schwind­lig. Ver­mumm­te Ge­stal­ten husch­ten an mir vo­rüber. Ich konn­te nur noch er­ah­nen, was um mich he­rum ge­schah. Wur­de an­gerem­pelt und ge­sto­ßen. Ich setz­te mich auf eine Bank und war­tete, bis es mir wie­der bes­ser ging.

Er­schöpft, schwe­re Ein­kaufs­ta­schen und Päck­chen schlep­pend, ka­men Frau­en und Män­ner aus den Ge­schäf­ten. All­mäh­lich wur­de ich mei­ne Ge­dich­te los. Ein schnel­ler Griff nach den Blät­tern, die mit den neuen Be­sit­zern rasch in der An­onymi­tät der Mas­se ver­schwan­den.

“Wo warst du im Knast?”

“Kon­stanz, Stamm­heim, Heil­bronn.”

“Nichts für un­gut. Geht mich ja nichts an, aber ich seh das so: Die Herr­schaf­ten vom Ge­richt sol­len dir wei­ter­hel­fen, die ha­ben dich auch ein­gebuch­tet!”

Ich muss­te mich mit mei­ner Rol­le iden­ti­fi­ziert ha­ben, denn das Aus­spu­cken des vor­nehm ge­klei­deten Herrn traf mich wie ein Schlag ins Ge­sicht. Eisi­ge Ver­ach­tung schlug mir ent­gegen. Demonstra­tives Weg­schau­en. Mit dir wol­len wir nichts zu tun ha­ben, schrien schwei­gende Mün­der. Der älte­re Mann auf der ande­ren Stra­ßen­sei­te sorg­te für heite­res Ge­läch­ter, als er mir zu­gröl­te: “Dich soll­te man grad wie­der ein­lo­chen!” Ich ließ die rest­li­chen Ge­dich­te auf ei­ner Bank lie­gen. Durch­gefro­ren und mü­de mach­te ich mich auf den Heim­weg.

Kuno Bärenbold: Der Einzelgänger. Erzählungen. 4. Auflage. Karlsruhe: Edition Eisbrecher. 120 Seiten, 11.- Euro

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29.05.2006 18:44 | Diverses | Kommentare deaktiviert

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