Von Kuno Bärenbold
“Harry, hör mal zu: Laß uns in die Bibelstunde gehn, okay?”
“Was soll ich da?”
“Erwin hat’s mir gesteckt, daß es beim Väterchen was Gutes gibt. Ist doch besser als in der Kiste Trübsal zu blasen.”
Harry kann sich unter der Bibelstunde nichts vorstellen. Aber wer weiß, sagt er sich, vielleicht bin ich hinterher klüger. Gespannt ist er auf den Anstaltsgeistlichen, dessen Spitzname Väterchen er sympathisch findet. Im Gemeinschaftsraum verpaßt ihm Atze einen Rippenstoß: “Hast du sowas schon mal gesehn? Ist ja nicht zu fassen, wieviele Knackis als reuige Sünder auftreten, wenn’s was umsonst gibt!”
Dicht gedrängt und munter palavernd sitzen die Gefangenen beisammen, als der ergraute Pfarrer um Ruhe bittet und zum gemeinsamen Gebet aufruft: “Komm, Herr Jesus, sei unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast.”
In seltener Eintracht preisen schwere Jungs und mickrige Eierdiebe den von der Südpfarrei spendierten Kaffee. Zuhälter Eddie und Opferstockräuber Willi loben den selbstgebackenen Apfelkuchen einmütig als Delikatesse, von der man nicht genug bekommen könne. Das frömmelnde Völkchen schnattert wild durcheinander, barmherzige Knastbrüder lassen einen Joint kreisen, Charly nutzt die günstige Gelegenheit, mit finsterem Pokerface fällige Spielschulden einzutreiben.
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