Neugieriges Väterchen

Von Kuno Bärenbold

“Harry, hör mal zu: Laß uns in die Bibelstunde gehn, okay?”

“Was soll ich da?”

“Erwin hat’s mir gesteckt, daß es beim Väterchen was Gutes gibt. Ist doch besser als in der Kiste Trübsal zu blasen.”

Harry kann sich unter der Bibelstunde nichts vorstellen. Aber wer weiß, sagt er sich, vielleicht bin ich hinterher klüger. Gespannt ist er auf den Anstaltsgeistlichen, dessen Spitzname Väterchen er sympathisch findet. Im Gemeinschaftsraum verpaßt ihm Atze einen Rippenstoß: “Hast du sowas schon mal gesehn? Ist ja nicht zu fassen, wieviele Knackis als reuige Sünder auftreten, wenn’s was umsonst gibt!”

Dicht gedrängt und munter palavernd sitzen die Gefangenen beisammen, als der ergraute Pfarrer um Ruhe bittet und zum gemeinsamen Gebet aufruft: “Komm, Herr Jesus, sei unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast.”

In seltener Eintracht preisen schwere Jungs und mickrige Eierdiebe den von der Südpfarrei spendierten Kaffee. Zuhälter Eddie und Opferstockräuber Willi loben den selbstgebackenen Apfelkuchen einmütig als Delikatesse, von der man nicht genug bekommen könne. Das frömmelnde Völkchen schnattert wild durcheinander, barmherzige Knastbrüder lassen einen Joint kreisen, Charly nutzt die günstige Gelegenheit, mit finsterem Pokerface fällige Spielschulden einzutreiben.

Währenddessen erkundigt sich der Seelsorger mit gedämpfter Stimme bei Atze und Harry, seinen neu hinzugekommenen Schäfchen, welch trauriges Schicksal sie ins Gefängnis geführt hat. Atze pariert die heikle Frage mit Unschuldsmiene und dem uralten Spruch, die Handtasche einer fußkranken Oma über die Kreuzung getragen und dabei die alte Dame leider aus den Augen verloren zu haben.

“Und du, mein Sohn, was ist der Grund, daß du vom rechten Weg abgekommen bist?” wendet er sich nun an Harry, der sich beinahe an einem Apfelstückchen verschluckt. Wie kommt das Pfäffle dazu, mich so hinterhältig auszuhorchen? Soll ich es auf den Arm nehmen oder Klartext mit ihm reden? Harry spült erstmal seine trockene Kehle mit dem wohlduftenden Brühmann, um dann mit Hundeblick zu beichten: “Das ist eine lange Geschichte, Hochwürden, deshalb will ich es kurz machen: Ich hab jemanden ins Jenseits befördert.”

“Jesus und Maria! Da müssen wir aber fleißig zum Herrgott beten und immer zur Bibelstunde kommen. Warum, mein Sohn, hast du das getan?”

“Weil er so neugierig war wie du, mein Väterchen.”

Kuno Bärenbold: C’est la vie. Erzählungen. Karlsruhe: Edition Eisbrecher. 120 Seiten, 11.- Euro

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09.06.2006 14:30 | Diverses | Comments (0)

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