Erlebnisarmut
Der Berliner Tagesspiegel berichtet über ältere Menschen in Haft:
Seit 1999 hat Hermann H. mehr Zeit in der Haftanstalt verbracht als draußen. Was macht die Justiz mit einem alten Mann, der nicht begreifen will, dass er Verbrechen begangen hat? Mag sein, dass die Geschichte des Hermann H. nicht exemplarisch ist, doch sie erinnert daran, dass sich die demografische Wende nun auch in Deutschlands Gefängnissen anbahnt. Seit Anfang der 90er Jahre ist der Anteil der über 60-jährigen Häftlinge um 28 Prozent gestiegen: Von 1,8 Millionen Tatverdächtigen war 2004 jeder 17. im Rentenalter. Immer häufiger werden Menschen erst im Alter straffällig. Warum, sei bislang nicht erforscht, sagt der Kriminologe Werner Greve. Die Erklärungen reichten von Erlebnisarmut bis zu materieller Not.

Sehr verehrte Damen, sehr geehrte Herrn,
dieser Beitrag ist höchst bedauerlich. Aber er entspricht der Realität – mit wachsender Tendenz. Ursachen müssen nicht lange erforscht werden, denn sie sind schon sehr lange sichtbar.
Immer mehr Menschen werden durch unseren Staat in eine ungewollte Notlage getrieben. Immer mehr ältere Menschen sind fast nicht mehr in der Lage, die durch die Gesundheitsreform entstandenen Kosten zu tragen. Immer mehr ältere Menschen beobachten die oft sehr zu wünschende Betreung im Altersheim sehr kritisch.
Schon vor mehr als 10 Jahren sagte ein sehr guter Bekannter zu mir – wenn meine Frau vor mir sterben sollte, gehe ich lieber in den Knast, als in ein Altersheim !
Damals konnte ich sein Argument nicht verstehen. Aber ich habe es auch nicht vergessen.
Heute bin ich selbst 58 Jahre alt und Sie dürfen mir ruhig glauben, diese Worte haben für mich mehr Bedeutung als je zuvor.
Sollte meine Frau vor mir sterben, werde ich aus welchen Gründen auch immer in die nächste JVA einziehen. Mit dieser Meinung stehe ich bestimmt nicht alleine. Sie dürfen also ohne Umfrage mit einer steigenden Tendenz rechnen.
Mit einem freundlichen Gruß in die Runde – von
Hermann Raubuch
Hermann RAUBUCH | 20. 8. 2006 20:56