Schlüssel-Wegschmeißvollzug
Von “Insasse”
Als selbst in einer Vollzugsanstalt Beschäftigter, wenn auch nicht im Vollzugsdienst, muss ich mich doch mal zu Wort melden.
Es ist eine Tatsache, dass unabhängig von Länderregierungen der Strafvollzug personell unterbesetzt und auch unterbezahlt ist (vor allen Dingen die Fachdienste). Bin selbst in Baden-Württemberg beschäftigt, wo nach dem Zweiten Weltkrieg ununterbrochen eine CDU-Regierung mit stellenweise FDP-Beteiligung am Steuer ist. Mal ein paar Fakten zur Info der Anstalt, in der ich arbeite:
- Zwischen 800 und 900 Gefangene, seit Jahren praktisch Vollbelegung;
- an Wochenenden und im Nachtdienst sind bei diesen Gefangenzahlen zwischen 7 und 9 Bedienstete in der ganzen Astalt, da soll mir mal einer sagen was mit den Gefangen nützliches gemacht werden soll;
- beschäftigte Sozialarbeiter und Psychologen: jeweils 5;
- im Tagdienst, wo die größte Personalstärke vorhanden ist, ist auf einer Abteilung mit bis zu 50-60 Gefangenen ein Beamter, der dann auch noch Sonderaufgaben hat, wie Aufsicht bei unterschiedlichen Höfen, Gefangene zum Arzt bringen oder auf die Kammer um sachen zu holen, die Gefangen sind also selbst am Tage zu großen Teilen sich selbst überlassen;
- die Normalbesetzung im Werkdienst, wo die Gefangenen arbeiten sollen, beträgt bei vielen Betrieben 2 Beamte, die neben der Aufsicht über 50 Gefangene im Sicherheitsbereich auch noch den ganzen Betriebsablauf managen müssen, von Arbeitsbeschaffung über Bestellungen, Rechnungen, Lohn der Gefangenen, Koordination der Arbeit. In Engpasszeiten zu beliebten Urlaubszeiten wird öfters ein Betrieb auch nur mit einem Beamten besetzt, um ihn nicht schließen zu müssen.
Die Regierungen müßten sich also mal einig werden, welchen Vollzug sie wollen. Den sozialen Vollzug, der im Strafvollzugsgesetz steht, mit dem Grundsatz den Gefangenen dazu zu befähigen, sein künftiges Leben ohne Straftaten zu bestreiten; dann müssen aber auch die personellen Voraussetzungen in Anzahl und finanziellen Anreizen geschaffen werden. Oder den nach spektakulären Fällen auch von politikern geforderten Schlüssel-Wegschmeißvollzug. Auf diesen zum großen Teil Verwahrvollzug läuft es die letzten Jahre hinaus, dann darf mann sich aber über solche vorfälle nicht wundern.
PS. Auch wenn es hart und provozierend klingt: Wäre der zu Tode Gefolterte, den ich wirklich aus ganzem Herzen bedauere, ein Wiederholungstäter gewesen, der kleine Kinder missbraucht hätte, z.B. der Beklagte im Fall Stephanie, wären an allen Stammtischen und Boulevardzeitungen Begeisterungsstürme losgebrochen.
